Über 10.000 unbesetzte Stellen, ein Generationenwechsel in den Kanzleileitungen und steigende Anforderungen an das Berufsbild – der awicontax Zukunftskompass 2026 zeigt, wo die Branche unter Druck steht.
Fragt man Steuerberatungskanzleien nach ihrer größten Herausforderung, landet die Digitalisierung regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Doch die Befragung des awicontax Zukunftskompasses 2026 offenbart eine überraschende Verschiebung: Für viele Kanzleien ist der Fachkräftemangel inzwischen eine größere Herausforderung als die technologische Transformation. Mit über 10.000 unbesetzten Stellen und drohenden Schließungsrisiken für kleine und mittlere Kanzleien bis 2028 steht die Branche vor einem Problem, das sich nicht allein durch Software lösen lässt.
Die doppelte Herausforderung
Kanzleien stehen vor einer Zwickmühle: Einerseits steigt der Bedarf an neuen Kompetenzen durch die zunehmende Digitalisierung. Andererseits sinkt das Angebot an Fachkräften – demografisch bedingt und durch veränderte Erwartungen an die Arbeitswelt.
Laut STAX 2024 berichten bereits mehr als 70 Prozent der Kanzleien von erheblichen Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Besonders betroffen sind Positionen, die tiefgehendes Fachwissen erfordern – etwa in der Jahresabschlusserstellung oder in der steuerlichen Gestaltungsberatung. Die Bundessteuerberaterkammer prognostiziert zudem, dass in den kommenden zehn Jahren ein erheblicher Teil der heutigen Kanzleileitungen in den Ruhestand gehen wird. Die Frage der Nachfolge wird damit zur Frage der Branchenstabilität.
Neue Kompetenzen, neues Berufsbild
Während klassische Buchhaltungstätigkeiten zunehmend automatisiert werden, verschiebt sich das Anforderungsprofil in Kanzleien grundlegend. Was früher genügte – saubere Deklaration und Steuerfachwissen – reicht nicht mehr aus. Der Zukunftskompass beschreibt ein neues Kompetenzdreieck: steuerliches Know-how, technologisches Verständnis und kommunikative Fähigkeiten.
Das bedeutet konkret: Mitarbeitende müssen digitale Prozesse beherrschen, Datenanalysen interpretieren und Mandanten in komplexen regulatorischen Fragen beraten können. Aus Fachangestellten werden Prozessmanager, aus Steuerberatern werden Strategen. Kanzleien, die diesen Wandel verstanden haben, investieren in Aus- und Weiterbildung. Interne Schulungsprogramme, Kooperationen mit Hochschulen und die gezielte Förderung von Soft Skills stehen auf der Agenda.
Kultur schlägt Gehalt
Eine der aufschlussreichsten Erkenntnisse des Zukunftskompasses betrifft nicht die Technik, sondern die Unternehmenskultur. Die Befragung zeigt deutlich: Jede digitale Transformation beginnt mit einer kulturellen. Kanzleien, die Veränderung erfolgreich gestalten, zeichnen sich durch Offenheit, Vertrauen und gegenseitige Wertschätzung aus.
Laut Bitkom-Studie 2024 erwarten inzwischen mehr als 60 Prozent der Arbeitnehmer in der Steuerberatung flexible Arbeitsbedingungen als Grundvoraussetzung für eine Bewerbung. Flexible Arbeitszeitmodelle, Teilzeitangebote und Homeoffice-Möglichkeiten sind in vielen Kanzleien mittlerweile Standard – wer hier hinterherhinkt, verliert im Wettbewerb um Talente.
Doch es geht um mehr als Benefits. Werte wie Verantwortung, Fairness und Respekt bilden das Fundament, auf dem Innovation und Wachstum entstehen können. Empathie wird zur Schlüsselkompetenz – nicht nur gegenüber Mandanten, sondern auch innerhalb des Teams.
Die Nachfolge-Frage
Ein Thema, das in der öffentlichen Diskussion oft untergeht, ist die Nachfolgeplanung. Zahlreiche Kanzleien stehen in den kommenden Jahren vor einem Generationenwechsel. Wie die Nachfolge geregelt wird, entscheidet nicht nur über die Zukunft einzelner Kanzleien, sondern über die Stabilität des gesamten Berufsstandes.
Der Zukunftskompass zeigt, dass immer mehr Kanzleien dieses Thema frühzeitig angehen und Übergabestrategien entwickeln – von internen Nachfolgeregelungen bis zu Zusammenschlüssen mit anderen Kanzleien. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Ausbildung: Duale Studiengänge, enge Verzahnung von Praxis und Studium sowie die aktive Begleitung junger Fachkräfte durch Mentoring-Programme gelten als Schlüssel für die Zukunft.
Organisationsstrukturen im Wandel
Auch die Art, wie Kanzleien organisiert sind, verändert sich. Traditionell hierarchisch aufgebaut, entwickeln sich viele Kanzleien zunehmend zu flexiblen Teamstrukturen, in denen Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Spezialisierungen im Team, interdisziplinäre Zusammenarbeit und flache Hierarchien sind keine Modewörter mehr, sondern praktische Antworten auf steigende Komplexität.
Einzelkanzleien, die durch ihre persönliche Nähe punkten, stoßen bei komplexeren Mandaten allerdings schneller an ihre Grenzen. Hier gewinnen Kooperationen mit anderen Kanzleien oder externen Dienstleistern an Bedeutung – nicht als Schwäche, sondern als strategische Entscheidung für mehr Schlagkraft.
Fazit: Der Mensch bleibt das Herzstück
Die Steuerberatung der Zukunft wird technologischer, spezialisierter und datengetriebener sein. Doch der awicontax Zukunftskompass macht unmissverständlich klar: Der entscheidende Erfolgsfaktor bleibt der Mensch. Wer es schafft, attraktive Arbeitsbedingungen zu schaffen, Talente zu fördern und Strukturen an die veränderten Anforderungen anzupassen, gewinnt nicht nur Fachkräfte – sondern sichert die Zukunftsfähigkeit der gesamten Branche.
Der Fachkräftemangel ist nicht nur die größte Herausforderung, sondern auch die größte Chance für die Steuerberatung der Zukunft. Wer sie ergreift, gestaltet den Wandel – statt ihm hinterherzulaufen.
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